Das mit dem Stuhl.

Heute ein paar Worte zu einer jahre-, ach, was sag ich, jahrzehntelang währenden Tradition bei Allegria, die nur in jüngster Zeit - aus welchem Grund auch immer - ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Dies auch als Anstoß an nachfolgende Generationen, sich der alten Überlieferungen zu erinnern. Die Rede ist von dem... doch nein, dazu erst später.

Zunächst wollen wir einmal das semantische Feld abstecken, uns einig darüber werden, was Gegenstand unserer Betrachtung ist und was nicht. Der Stuhl. DER Stuhl. Ist er Ikone? Ist er Fetisch? Nicht vom gewöhnlichen, gar praktischen Utensil zum gemeinen Sitzen sei die Rede, dessen Sitzfläche auf einem Rahmen auf vier Stützen ruht, dessen hinteres Stützenpaar zur Lehne verlängert ist und an dem - oh eitler Tand - nicht selten auch noch üppig ausladende oder asketisch verkürzte Armlehnen befestigt sind. Sehr hinderlich beim Gitarrespielen, übrigens. (Hierbei ist es auch kein Trost, dass moderne Stahlrohr- oder Formholzstühle statt der vier Stützen gelegentlich Kufen haben. Dies jedoch nur am Rande.)

Bei "Stuhl" gar an ein unappetitliches Gemisch aus Wasser, Bakterien, abgeschilferten Zellen, nicht resorbierten Nahrungsschlacken und allerlei anderen wenig erfreulichen Ingredienzen zu denken, ist vom Thema ebenfalls weitestmöglich entfernt. Und wer weiß schon, was "abgeschilfert" heißt. Ich jedenfalls nicht.

Vielmehr möchte ich die ohnehin bereits arg strapazierte Geduld des geneigten Lesers auf die Art von Sitzmöbel lenken, die in der assyrischen und altägyptischen Variante des Altertums gerne mit Tiergestalten wie Löwen oder Stieren geschmückt war und dies gelegentlich noch heute ist. Thronte seinerzeit in aller Regel ein geistlicher oder weltlicher Würdenträger auf dieser so exponierten Form des Stuhls, so hat bei Allegria heute - späte Neuzeit - kein geringerer als Kurt diesen Platz inne. Ihm gemeinsam mit den oben genannten ist der Thron als Symbol der Herrschaft, Zeichen der Gottheit. Dieser Thron heißt bei Allegria - und nun sei es endlich gesagt - "der Tonino-Stuhl".

Der Tonino-Stuhl: Immer etwas gleicher als der gleiche unter gleichen, nie wirklich besser, aber gerne ein bisschen anders als die anderen fünf. Sichtbar anders, das ist wichtig. Symbol von Hoheit, Wissen und Macht. Macht süchtig, den, der darauf sitzt. Und das ist bei uns Kurt. Seit dem 4. Jahrhundert häufig auf Stufen gestellt und von einem Baldachin überspannt, markiert der Tonino-Stuhl heute das musikalische Epizentrum Allegrias. Der leere Thron gilt wie schon im antiken Kult als Ausdruck geistiger Anwesenheit. Nicht so der leere Tonino-Stuhl. Verzehrt er sich doch voller Ungeduld nach dem Erscheinen des letzten legitimen Nachfolgers von Paco.

Er liebt ihn, und wir lieben ihn auch, den schönen Brauch vom besonderen Stuhl. Und die Bandgeschichte hält einige Beispiele für Tonino-Stühle bereit, deren Andenken mir schon wieder die Freudentränen in die Augen treibt. Nur einer sei hier erwähnt (wer noch ein Bild davon hat, bitte gleich mal rüberreichen): der Stuhl bei unserem paramilitärischen Vorweihnachts-Gig in der Kaserne Daun. Schwerter zu Gitarrensaiten hieß das damals. Nee, falsch: Glasnost und'n Glas Most. Nein, auch nicht, Moment: Patrönchen zu Makrönchen. Oder so. Ach, ich weiß nicht mehr. Ist auch schon so lange her. Jedenfalls ein herrlicher Tonino-Stuhl war das damals, reich an Form und Farbe, und mit so viel Liebe gebaut. Hmmm...

Wir sind fest entschlossen (glaub ich jedenfalls), diesen schönen Brauch zu pflegen. Sollten wir also jemals die Ehre und das große Vergnügen haben, bei Ihnen oder für Sie zu spielen, so zeichnet sich derjenige als eingeweihter Allegria-Kenner aus, der fünf gleiche und einen etwas gleicheren Stuhl, alle ohne Armlehnen, bereit stellt. Und vielleicht ein kühles Pils.

Markus, Dezember 2000

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